Wer heute unterrichtet, unterrichtet selten nur. Lehrpersonen sind längst auch Konfliktmanager:innen, IT-Support, Sozialarbeiter:innen, Verwaltungsangestellte, Elternersatz, Krisenmanager:innen und oft der letzte stabile Anker im Alltag von Kindern. Der Krautreporter-Artikel „Lehrkräfte müssen immer mehr leisten. Was ihnen helfen könnte“ von Lea Schönborn bringt diese Realität eindrücklich auf den Punkt. Er basiert auf den Rückmeldungen von über 500 Lehrpersonen und zeichnet ein Bild eines Berufs, der zwar sinnstiftend ist, aber für viele an die Grenzen des Leistbaren geht.
Dieser Text will den Artikel nicht ersetzen – im Gegenteil: Er lädt ausdrücklich dazu ein, ihn im Original zu lesen. Was er aber tun will, ist weiterdenken:
Was bedeuten diese beschriebenen Belastungen konkret für den Berufsalltag? Und vor allem: Welche Art von Weiterbildungen könnten Lehrpersonen tatsächlich entlasten – statt sie zusätzlich zu belasten?
Eine der zentralen Beobachtungen im Krautreporter-Artikel: Der Anteil der Zeit, den Lehrpersonen tatsächlich mit Unterrichten verbringen, schrumpft. Gleichzeitig wächst alles andere. Dokumentation, Evaluation, digitale Systeme, Förderanträge, Elterngespräche, Koordination mit Fachstellen – vieles davon sinnvoll, vieles davon notwendig, aber kaum etwas davon zeitlich abgefedert.
Viele Lehrpersonen erleben, dass sie immer mehr leisten, ohne dass der Rahmen angepasst wird. Die offizielle Arbeitszeit endet auf dem Papier – in der Realität aber nie wirklich. Das Gefühl, nie „fertig“ zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch die Berichte im Artikel.
Kurzbeschrieb:
Dieser Kurs hilft Lehrpersonen, Unterricht so zu planen, dass er wirksam, realistisch und gesund bleibt. Sie lernen, zwischen dem zu unterscheiden, was pädagogisch wirklich zählt, und dem, was das System zusätzlich erwartet. Ziel ist es, Arbeitszeit sichtbar zu machen, Prioritäten klar zu setzen und den eigenen Einsatz nachhaltig zu begrenzen – ohne schlechtes Gewissen.
Löst das Problem:
Überforderung durch zu hohe Ansprüche an Planung, Perfektionismus und unsichtbare Mehrarbeit.
Hier helfen keine fachlichen Inputs zum nächsten Lehrmittel. Was Lehrpersonen brauchen, sind Weiterbildungen zu Arbeitsorganisation, Priorisierung und realistischem Erwartungsmanagement:
Wie plane ich Unterricht, ohne mich selbst zu überfordern?
Wie unterscheide ich zwischen „pädagogisch wichtig“ und „systemisch erwartet“?
Wie kann ich Arbeitszeit sichtbar machen und begrenzen?
Solche Weiterbildungen sind nicht „Soft Skills“, sondern Überlebenskompetenzen.
Der Artikel beschreibt eindringlich, wie stark Lehrpersonen emotional gefordert sind. Nicht nur im Unterricht, sondern auch danach. Gedanken kreisen abends, am Wochenende, in den Ferien. Digitale Kommunikation verstärkt das: Elternmails, Klassenchats, Plattformen – Schule hört nicht mehr an der Schultür auf .
Studien zeigen hohe Werte bei Erschöpfung, Schlafstörungen und Burnout-Symptomen. Besonders belastet sind Grundschullehrpersonen.
Kurzbeschrieb:
Lehrpersonen sind täglich emotional gefordert. Dieser Kurs zeigt, wie klare Kommunikationsgrenzen gesetzt werden können – gegenüber Schüler:innen, Eltern und Kolleg:innen. Sie lernen, mit belastenden Situationen professionell umzugehen, ohne sie mit nach Hause zu nehmen, und frühzeitig Warnsignale von Überlastung bei sich selbst zu erkennen.
Löst das Problem:
Emotionale Erschöpfung, Dauererreichbarkeit und das Gefühl, nie abschalten zu können.
Was hier fehlt, sind Weiterbildungen zu Abgrenzung, Selbstfürsorge und professioneller Distanz, zum Beispiel:
Wie setze ich gesunde Kommunikationsgrenzen?
Wie gehe ich mit emotional schwierigen Situationen um, ohne sie mitzunehmen?
Wie erkenne ich frühzeitig Warnsignale bei mir selbst?
Formate wie Supervision, Coaching und kollegiale Fallbesprechung sollten nicht als Luxus gelten, sondern als Standard – so wie in der Sozialarbeit oder Psychotherapie.
Klassen sind heute nicht unbedingt grösser, aber komplexer. Unterschiedliche Sprachstände, Lernniveaus, Diagnosen, familiäre Hintergründe – Lehrpersonen unterrichten nicht mehr eine Lerngruppe, sondern viele gleichzeitig. Der Artikel spricht von „Superdiversität“ und zeigt, wie stark diese Vielfalt Lehrpersonen fordert.
Frust entsteht dort, wo Lehrpersonen wissen, was Kinder bräuchten – es aber nicht leisten können.
Kurzbeschrieb:
Heterogene Klassen sind Alltag. Dieser Kurs vermittelt praxisnahe Strategien, wie Differenzierung gelingen kann, ohne dass Lehrpersonen sich selbst überfordern. Im Fokus stehen der Umgang mit ADHS, Autismus und Sprachbarrieren sowie eine klare Rollenverteilung in multiprofessionellen Teams, damit Verantwortung geteilt wird.
Löst das Problem:
Überforderung durch Superdiversität und das Gefühl, allen gleichzeitig gerecht werden zu müssen.
Hier braucht es praxisnahe Weiterbildungen, nicht theoretische Inklusionskonzepte:
Differenzierung ohne Selbstausbeutung
Umgang mit ADHS, Autismus, Sprachbarrieren im Alltag
Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams
Wichtig: Diese Weiterbildungen müssen entlastend wirken, also konkrete Werkzeuge liefern, statt zusätzliche Ansprüche zu formulieren.
Ein besonders heikler Punkt im Artikel: Lehrpersonen übernehmen immer mehr Aufgaben, die früher im familiären Umfeld lagen. Beziehungsarbeit, Wertevermittlung, emotionale Stabilisierung – all das gehört heute selbstverständlich zum Schulalltag. Bezahlt, vorbereitet oder strukturell unterstützt wird es kaum.
Kurzbeschrieb:
Beziehungsarbeit ist zentral – aber sie darf nicht auf Kosten der eigenen Gesundheit gehen. Dieser Kurs zeigt, wie tragfähige Beziehungen zu Schüler:innen aufgebaut werden können, ohne emotionale Überforderung. Sie lernen, mit herausforderndem Verhalten professionell umzugehen und klare Grenzen zwischen pädagogischer Verantwortung und familiärer Zuständigkeit zu ziehen.
Löst das Problem:
Emotionale Vereinnahmung, Grenzverwischung und Überlastung durch soziale Rollen.
Hier braucht es sozialpädagogisch orientierte Weiterbildungen, etwa:
Beziehungsgestaltung ohne emotionale Überforderung
Umgang mit herausforderndem Verhalten
Grenzen zwischen pädagogischer Verantwortung und familiärer Zuständigkeit
Gleichzeitig sollten solche Weiterbildungen immer gemeinsam mit strukturellen Massnahmen gedacht werden (Schulsozialarbeit, Schulpsychologie). Weiterbildung allein kann strukturelle Defizite nicht kompensieren.
Viele Lehrpersonen stehen der Digitalisierung grundsätzlich offen gegenüber. Die Hoffnung: effizientere Abläufe, bessere Lernprozesse. Die Realität laut Artikel: mehr Aufwand, mehr Unsicherheit, mehr Stress – vor allem dort, wo IT-Support fehlt und Erwartungen unklar sind.
Kurzbeschrieb:
Digitalisierung soll entlasten – tut es aber oft nicht. Dieser Kurs hilft Lehrpersonen, sinnvolle von überflüssigen digitalen Werkzeugen zu unterscheiden. Gemeinsam wird erarbeitet, was weggelassen werden kann und wie digitale Prozesse schlank, übersichtlich und nachhaltig gestaltet werden – für weniger Aufwand und mehr Klarheit.
Löst das Problem:
Digitaler Mehraufwand, Tool-Überforderung und ineffiziente Prozesse.
Was hier hilft, sind strategische Weiterbildungen, nicht Tool-Schulungen:
Welche digitalen Werkzeuge lohnen sich wirklich?
Was kann weggelassen werden?
Wie gestalte ich digitale Prozesse schlank und nachhaltig?
Weiterbildung sollte hier immer mit klaren schulischen Entscheidungen gekoppelt sein – sonst verpufft sie.
Ein leiser, aber zentraler Befund des Artikels: Viele Lehrpersonen leiden weniger an mangelnder Bezahlung als an fehlender Anerkennung. Sie investieren viel – emotional, zeitlich, fachlich – und erleben gleichzeitig Kritik, Misstrauen oder Gleichgültigkeit von aussen.
Auch hier kann Weiterbildung ansetzen, etwa durch:
Stärkung der professionellen Identität
Reflexion eigener Ansprüche
Umgang mit Kritik, Elternkonflikten und öffentlichem Druck
Gleichzeitig braucht es eine Kultur der Wertschätzung, die nicht allein auf dem Rücken der Lehrpersonen entstehen darf.
Der Krautreporter-Artikel macht deutlich: Lehrpersonen sind nicht überfordert, weil sie ihren Beruf nicht mögen. Im Gegenteil. Viele bleiben, weil sie ihn sinnvoll finden. Aber sie drohen zu gehen, weil die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen.
Weiterbildungen können ein wichtiger Teil der Lösung sein – wenn sie richtig gedacht sind:
praxisnah statt abstrakt
entlastend statt fordernd
eingebettet in strukturelle Veränderungen
Wer Lehrpersonen stärken will, muss ihnen Werkzeuge geben, keine weiteren Aufgaben.
Hinweis: Der vollständige, ausführliche Originalartikel ist bei Krautreporter erschienen und, wie in der Einleitung bereits verlinkt, hier zugänglich: